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      Meldung vom 09.02.2011

      SchulKinoWochen: Lehrerfortbildung zum Thema „Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm“

      Am 9. März 2011 bot das Film & Medienbüro Niedersachsen im Rahmen der Schulkinowochen eine ganztätige Lehrerfortbildung zum Thema: Genregrenzen und Grauzonen zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm. Am Beispiel der Filme „Morgen das Leben“ von Alexander Riedel und „Adopted“ von Gudrun F. Widlok und Rouven Rech setzten sich die Teilnehmenden mit den Fragen auseinander:  Was ist ein Fake-Dokumentarfilm, was ist inszenierte Authentizität, und woran erkennt man einen dokumentarischen Spielfilm?

      Für Begeisterung sorgte die Anwesenheit der Regisseure Alexander Riedel und Rouven Rech, die eigens aus München bzw. Berlin angereist waren. Gemeinsam mit Moderator Eckhard Lottmann - ebenfalls aus Berlin - standen sie den Teilnehmenden kompetent Rede und Antwort.

      Der Seminarraum im Medienzentrum Osnabrück war gut besetzt, als um kurz vor Zehn der erste Film über die Leinwand flimmerte. „Morgen das Leben“ aus dem Jahre 2010 portraitiert drei Münchner –Judith, Ulrike und Jochen- und ihren Versuch, mit 40 noch mal ganz neu anzufangen. Ein Film über die Mitte des Lebens, das Streben nach Glück und Erfüllung.

      Dabei verwischt Riedel geschickt die Grenzen zwischen Fiktionalität und Realität, indem er die episodischen Geschichten mit Schauspielern als Hauptfiguren in reale Begebenheiten implantiert. Den Schauspielern wurde während der Szenen größtmögliche Freiheit gewährt: Das Drehbuch wurde ohne Dialoge verfasst, einige Situationen wurden sogar vollständig improvisiert. Diese besonders authentische Form des Erzählens versetzt die Zuschauer direkt ins Zentrum des Geschehens - lässt sie regelrecht teilhaben an den Problemen, Träumen und Wünschen der Protagonisten.

      Die Frage bleibt aber: Handelt es sich bei „Morgen das Leben“ nun um einen Spielfilm – oder doch eher um einen Dokumentarfilm? Die Meinungen der Seminarteilnehmer gingen auseinander. Zu Recht. „Morgen das Leben“ weist Merkmale unterschiedlicher Genres auf. Die Grenzen zwischen Inszenierung und Dokumentarfilm sind fließend. Für Riedel macht es keinen Sinn zwischen den Genres zu trennen: „Der Film lässt sich nicht einfach in eine Schublade stecken.“ Dennoch: Auch wenn Riedel eine genaue Klassifizierung seines Filmes als „Nicht sinnvoll“ betrachtet, ist „Morgen das Leben“ in erster Linie ein Spielfilm. Kinostart des 91-minütigen Films ist der 02.06.2011.

      Als wesentlich eindeutiger erwies sich die Genrefizierung des Films „Adopted“. Basierend auf dem gleichnamigen Kunstprojekt dokumentierten die Regisseure Gudrun F. Widlok und Rouven Rech über einen Zeitraum von mehr als acht Wochen das Leben dreier europäischer Aussteiger in Ghana. Hauptinhalt des Films ist nach Rech „die Einsamkeit der modernen Menschen in Europa“.

      In der Hoffnung auf familiären Zusammenhalt und Geborgenheit ließen sich die Protagonisten Thelma (Studentin), Ludger (Schauspieler) und Gisela (Rentnerin) von afrikanischen Großfamilien „adoptieren“. Afrika zeigt sich dabei aus einem ganz neuen Blickwinkel: Afrikaner helfen Europäern – und nicht andersherum. Der Dokumentarfilm zeigt auf eindrückliche Weise die Integration der Protagonisten, bzw. die Diskrepanzen bei der Integration in den afrikanischen Familienalltag. Obwohl nicht aktiv in die Handlung des Films eingegriffen wurde, ist auch für einen Dokumentarfilm wie „Adopted“ der Begriff „Inszenierung“ kein Fremdwort. Welche Szenen in welcher Form in einem Film zu sehen sind, bestimmt letztendlich der Regisseur. Auch ein Dokumentarfilm zeigt damit nie die ganze Realität, sondern immer nur einen Ausschnitt wahrer Begebenheiten.

      Das Fazit der Diskussion: Ob Dokumentarfilm oder Spielfilm - in jedem Film geht es letztendlich darum, eine Geschichte zu erzählen. Umfang und Form der Inszenierung mögen je nach Genre abweichen. Jede Geschichte lebt jedoch von der Inszenierung. Ohne Inszenierung also auch keine Geschichte – und damit auch kein Film.
      Die Resonanz der Lehrerinnen und Lehrer zum Ende der Veranstaltung war durchweg positiv. Was mitgenommen wurde? „Ich habe gelernt, dass es manchmal keinen Sinn macht, zwischen den Genres zu unterscheiden. Auch wenn das in der Schule bei der Filmanalyse zumeist verlangt wird.“ Eine andere Lehrerin bringt es auf den Punkt: „Ich habe heute sehr viel über Film- und Dokumentarfilm gelernt. Insgesamt war das eine rundum gelungene Veranstaltung!“

      Lena Schröder

      Regisseure Rouven Rech und Alexander Riedel

      Moderator Eckhard Lottmann während der Diskussionsrunde. Alle Fotos (c) Karl Maier

      Meldung vom 09.02.2011