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      Meldung vom 22.03.2011

      SchulKinoWochen 2011: "Roots Germania" - gelungene Filmveranstaltungen zum Thema Rassismus

      Kooperation zwischen SchulKinoWochen und WABE in Verden, Achim Hoya und Nienburg

      Es gibt zwei Wege mit Rassismus umzugehen: Entweder man läuft davon, versteckt sich - oder sucht die Konfrontation - tritt die Flucht nach vorne an. Genau vor dieser Entscheidung stand Mo Asumang, als sie mit der Textzeile der Neonaziband "White Aryan Rebels" konfrontiert wurde. Darin hieß es: "Die Kugel ist für dich Mo Asumang - geh dahin, wo du hergekommen bist!" Ein schwerer Schlag für die Fernsehmoderatorin und Schauspielerin. Mo entschied sich dennoch gegen einen Rückzug. So schnell lässt sich die charismatische junge Frau mit deutsch-ghanaischen Wurzeln nicht unterkriegen. Ganz im Gegenteil: In einer filmisch dokumentierten Recherchereise machte sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen von Hass, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit. Dabei beschäftigt sie sich insbesondere mit der Frage: Wie wird Fremdheit definiert – bzw. was macht mich zur Fremden im eigenen Land?

      In Kassel geboren, verbrachte Mo - als Kind einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters - einige Jahre in einer Pflegefamilie. Ghana kannte sie lange nur aus Erzählungen. Erst während der Dreharbeiten zu "Roots Germania" begab sich Mo auf eine Spurensuche in die afrikanische Heimat ihrer Vorfahren. Das Paradoxe: Während Mo in Deutschland als dunkelhäutig wahrgenommen wird gilt sie in Ghana als "Weiße". Lange fühlte sie sich hin- und hergerissen zwischen den Kulturen - überall fremd und nicht zugehörig. Mittlerweile weiß sie: "Ich muss mich nicht für oder gegen ein Land entscheiden. Sie sind beide Teil von mir". Ihre Heimat bleibt allerdings Deutschland. Hier ist sie aufgewachsen, hier leben ihre Freunde, die Menschen die sie kennt und liebt. In einer Gesprächsrunde zum Thema Fremdenfeindlichkeit im Anschluss an die Filmvorstellung von „Roots Germania“ äußerte der Verdener Bürgermeister Lutz Brockmann: "Wäre ich blind, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, dass Frau Asumang aus einem anderen Land kommen könnte". Was ist es dann also, das "Deutschsein"?

      Die Germanen, als "eigentliche" Vorfahren der Deutschen, werden heute zwangsläufig mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Darüber hinaus wird das "Germanentum" auch heute noch von rechten Gruppen dazu missbraucht, genetische "Reinheit" bzw. Überlegenheit zu propagieren. Die germanische Mythologie, d.h. germanische Riten und Kulte, werden vor diesem Hintergrund von der Bevölkerung, den Medien und der Politik meist verdrängt und geraten zunehmend in Vergessenheit.

      Inspiriert von der in Afrika herrschenden Neugierde gegenüber Fremden, dem afrikanischen Ahnenkult und der Pflege wichtiger Kulturplätze, setzte Mo ihre Identitätssuche in Deutschland fort und leistete ganz nebenbei einen Beitrag zur Entteufelung des Germanentums. "In anderen europäischen Staaten – wie auch in Afrika - ist der Umgang mit den eigenen Vorfahren viel offener. Die Menschen dort kennen ihre Wurzeln. In Deutschland ist das anders." Dementsprechend leistet die Spurensuche in "Roots Germania" noch einen ganz anderen Beitrag: Er gibt den Deutschen ihre Wurzeln zurück. "Deutschsein" lässt sich allerdings nicht einfach mit dem Germanentum gleichsetzen. Längst nicht jeder Deutsche hat wirklich germanische Vorfahren. Dazu Mo Asumang: "19% aller Deutschen hat heute einen Migrationshintergrund – dazu zählen allerdings nur Menschen – inklusive ihrer Nachfahren - die nach 1950 in die BRD eingewandert sind. Deutschland war aber schon immer ein Einwanderungsland." Als Beleg verwies Mo Asumang auf das Ende des 30-jährigen Krieges, als die Berliner Bevölkerung zu 50% aus französischen Hugenotten bestand. "Eigentlich ist Deutschland ein buntes Land. Es verkauft sich allerdings nicht als bunt. Die Nazis ignorieren diesen Umstand sogar völlig".

      In "Roots Germania" konfrontiert Mo auf einer NPD-Demo mit 3.000 Neonazis ihre Gegenspieler mit diesen Tatsachen. Wissen ist Macht – und so verstummt manch ein Nazikader unter der Wucht ihrer Argumente. Mo dringt in ihrem Film immer tiefer in die Ideologie der rechte Szene ein- besucht „Himmlers Gruft“ auf der Wewelsburg, liest, reist – und verliert letztendlich die Angst vor den Neonazis. Sie wächst ihnen im Verlauf des Filmes sogar regelrecht über den Kopf.

      „Roots Germania“ stellt einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dar. Mit Witz, Ironie sowie der richtigen Portion Ernsthaftigkeit werden Missstände aufgedeckt und gleichzeitig viel nützliches Wissen vermittelt.

      Leider gehören Kinder und Jugendliche immer wieder zur Zielgruppe rechter Sympathisanten. Nur durch kompetente Aufklärung und das Aufzeigen von Alternativen kann die Verbreitung rechter Ideen verhindert werden. Die rechte Szene ist nach wie vor präsenter Bestandteil der deutschen Gesellschaft. In Verden lag der Anteil der NPD bei den letzen Kommunalwahlen bei 5%. Im Stadtrat ist die rechte Partei seitdem mit einem Sitz vertreten. „Das ist bedenklich“, wie der Verdener Bürgermeister Lutz Brockmann (SPD) anmerkte. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, veranstaltete VISION KINO und das Film & Medienbüro Niedersachsen in Kooperation mit „Wabe“ (Weser-Aller Bündnis für Demokratieförderung und Zivilcourage), den beiden Kreismedienzentren in Verden und Nienburg und den Kinos in Verden, Achim, Hoya und Nienburg Filmvorführungen von „Roots Germania“ mit anschließenden Diskussionsrunden.

      Am 08.03 2011 startete das Kooperationsprojekt im Cine City Verden. 100 Schülerinnen und Schüler tauschten im Rahmen der Schulkinowochen das Klassenzimmer gegen den Kinosaal. Das Interesse am Film war groß. Das zeigte sich auch hinterher, als Regisseurin Mo Asumang, Bürgermeister Lutz Brockmann, Schüler Julian Schlichtholz sowie Journalistin und Pädagogin Dr. Susanne Ehrlich unter der Moderation von Rudi Klemm zur Gesprächsrunde luden. Zur Diskussion standen Fragen wie: Ist kulturelle Vielfalt eine Bereicherung? Was bedeutet Deutschsein? - aber auch: Wo muss Toleranz enden? Warum ist die Förderung von Demokratie und Menschenrechten von so großer Bedeutung?

      Die Namen „Michel Friedman“ und „Rita Süssmuth“ fallen im berüchtigten Lied der Neonaziband „White Aryan Rebels“ in einem Atemzug mit dem Namen der deutsch-ghanaischen Regisseurin. Kein Zufall: Er ist jüdischer Herkunft – sie, eine Vertreterin der Demokratie. „Ich habe lange überlegt, warum der Name Rita Süssmuth in einer Reihe mit mir und Michel Friedman genannt wird. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Nennung einen direkten Angriff auf die Demokratie darstellt. Die „White Aryan Rebels“ haben ihre Absichten mit dieser Aussage manifestiert. Die Feindlichkeit gegenüber Dunkelhäutigen und Juden ist zwar plakativ, das eigentliche Ziel der rechten Szene besteht aber in der Abschaffung von Demokratie und Menschenrechten.“ Das Plädoyer an die Schülerinnen und Schüler lautete dementsprechend: Keine Angst vor Konfrontation, der Kampf für die Demokratie und Freiheit lohnt sich! Für mehr Offenheit und Vielfalt! Denn das alles ist es, was unsere Gesellschaft am Leben hält.

      Als große Ehre empfand Mo Asumang die abschließende Geste des Verdener Bürgermeisters Lutz Brockmann: Der Eintrag in das goldene Buch der Stadt. Ihre Wortwahl: „Danke für so viel Liebe, Diskussionsfreudigkeit und Offenheit.“ Der passende Abschluss für eine gelungene Veranstaltung.

      An der Veranstaltungsreihe in Verden, Achim, Hoya und Nienburg nahmen insgesamt fast 800 Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte teil. Die Resonanz war durchweg positiv. Insbesondere in Nienburg übertraf die Diskussionsbereitschaft und das Interesse der Schülerinnen und Schülern alle Erwartungen. Wie Rudi Klemm von WABE e.V. eindrucksvoll berichtete: „Da insbesondere in Nienburg weitere Schulklassen mit fast 100 Schülern zusätzlich Interesse an der Veranstaltung bekundet haben und ein ähnliches Signal aus der Polizeiakademie kommt, haben wir bereits über eine weitere Veranstaltung nachgedacht.“ Ein unglaublicher Erfolg für Mo Asumang und die Organisatoren des Projekts - und ein großer Schritt im Kampf gegen Rassismus und Demokratiefeindlichkeit.

      Lena Schröder

      Regisseurin Mo Asumang bei der Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Verden mit Bürgermeister Lutz Brockmann

      In der Diskussionsrunde: Journalistin und Pädagogin Dr. Susanne Ehrlich, Regisseurin Mo Asumang, Moderator Rudi Klemm und Schüler Julian Schlichtholz

      Mo Asumang, Klaus W. Becker (Filmbüro Bremen), Bürgermeister Lutz Brockmann, Jörg Witte (SKW) bei der anschließenden Stadtführung in Verden (Alle Fotos: Karl Maier)

      Meldung vom 22.03.2011